Funktionseinschränkungen der Sinne im Alter

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Geriatrie / Gerontologie,
Titelfoto: https://flic.kr/p/2kdfNK5

Im Deutschen Ärztelbatt 29/30 2021 vom 26. Juli 2021 ist ein Beitrag erschienen von Völter, Christiane; Thomas, Jan Peter; Maetzler, Walter; Guthoff, Rainer; Grunwald, Martin; Hummel, Thomas

Unter dem Titel „Funktionseinschränkungen der Sinne im Alter“ schildern die Autoren die Ergebnisse einer selektiven Literaturrecherche in Medline und Cochrane Library. Um die Ergebnisse über die medizinisch-wissenschaftlichen Fachkreise hinaus zugänglich zu machen, fasse ich im folgenden wichtige Fakten zusammen. Auf die wissenschaftlichen Hintergrundinformationen wird dabei verzichtet. Sie sind in dem Aufsatz ausführlich dargestellt. Dieser ist über den folgenden Link verfügbar: Funktionseinschränkungen der Sinne im Alter (aerzteblatt.de)

Hervorheben möchte ich, dass die kognitiven und emotionalen Auswirkungen bzw. Begleiterscheinungen von Sinneseinschränkungen im Alter in den letzten Jahren stärker in den Forschungsfokus gelangt sind. Ausserdem betrachtet man zunehmend die kombinierten Effekte von mehreren Sinneseinschränkungen auf Lebensqualität und Selbständigkeit im Alter.

Funktionseinschränkungen der Sinne im Alter: Sehen, Hören, Riechen, Gleichgewichtssystem

Sehen

Die verschiedenen Gewebesysteme des Auges unterliegen einem langsamen, kontinuierlichen physiologischen Alterungsprozess. Die Linse verliert – durchschnittlich beginnend mit dem 45. Lebensjahr – ihre Akkomodationsfähigkeit an unterschiedliche Entfernungen. Die Proteine der Linse destabilisieren, was Trübungen zur Folge hat. Die maximale Weite der Pupille verringert sich im Alter, die Zahl der für das Dämmerungssehen zuständigen Stäbchen nimmt ab. Die internen Transportvorgänge des für den Sehzyklus notwendigen Vitamin A verlangsamen sich.

Auswirkungen auf Sehen und psychische Prozesse

  • Alterssichtigkeit (Presbyopie)
  • Langsamere Anpassung an Hell und Dunkel
  • Blendempfindlichkeit
  • Linsentrübung mit verringerter Kontrastwahrnehmung (Katarakt)
  • Eingeschränktes Dämmerungssehen
  • Nachlassende zentrale Sehschärfe
  • Altersbedingte Makula-Degeneration
  • Kognitive Einschränkungen
  • Höheres Risiko einer demenziellen Erkrankung

Hören

Ab dem 60. Lebensjahr steigt die Hörschwelle um durchschnittlich 1 dB pro Lebensjahr. Dies führt dazu, dass mit zunehmendem Alter immer mehr Menschen Hörprobleme haben. Nach Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation spricht man bei einer durchschnittlichen Hörschwelle von 26 bis 40 dB von (leichter) Schwerhörigkeit. Dies gilt nach einer deutschen Studie mindestens für rund 20 % der 60- bis 69-Jährigen, rund 42 % der 70- bis 79-Jährigen und fast 72 % der 80-Jährigen und älteren. Eine leicht verständliche Erklärung für die Messung der Hörfähigkeit finden Sie hier.

Auswirkungen von Schwerhörigkeit

  • Höheres Risiko von demenziellen Erkrankungen.
  • Höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken.
  • Höhere Wahrscheinlichkeit, zu stürzen.

Riechen

Das Riechvermögen lässt mit dem Alter nach und ist ab dem 80. Lebensjahr bei rund einem Drittel der Menschen fast nicht mehr vorhanden. Unabhängig vom Alter können Riechstörungen frühe Indikatoren für neurodegenerative Erkrankungen sein, z.B. das idiopathische Parkinsonsyndrom (IPS). 94 % der Patienten mit manifestem IPS haben eine Riechminderung. Eine interessante Anregung der Autoren: Wenn ein Mensch mit „Diagnose IPS“ über ein normales Riechvermögen verfügt, sollte man die Diagnose prüfen.

Auswirkungen einer Riechminderung

  • Gefahren im Alltag (Brandgerüche, Toxine) werden nicht wahrgenommen.
  • Durch die fehlende Aromawahrnehmung verringert sich die Freude am Essen.
  • Rund 30 % der Menschen mit Riechstörungen leiden unter depressiven Verstimmungen.

Gleichgewichtssystem

Es gibt zahlreiche altersabhängige degenerative Veränderungen des Gleichgewichtssystems, sowohl auf zellulärer wie auch neuronaler Ebene. Über Gleichgewichtsstörungen berichten 27 % der 65- bis 70-Jährigen und 54 % der über 90-Jährigen.

Auswirkungen von Gleichgewichtsstörungen

  • Schwindelsymptome
  • Unsicherheitsgefühl
  • Höhere Wahrscheinlichkeit zu stürzen, insbesondere im Dunkeln und auf unebenem Untergrund.

Kombinierte Wirkungen mehrerer Sinneseinschränkungen

Gleichzeitige Einschränkungen mehrerer Sinnesorgane sind schwerer zu kompensieren und können weitreichende Folgen haben. Der sogenannte „Global Sensory Impairment Index“ korreliert signifikant mit Aktivitäten des täglichen Lebens, der Beweglichkeit und der 5-Jahres-Mortalität. Die Wahrscheinlichkeit, demenziell zu erkranken, zeigt einen klaren Zusammenhang mit der Zahl der Sinneseinschränkungen. Das Gleiche gilt für das Risiko, eine Depression zu entwickeln.

Die Autoren empfehlen abschliessend:

„Zukünftig ist eine frühzeitige Erfassung von Sinnesstörungen im Alter im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen wünschenswert, um langfristig schwerwiegende Folgen zu reduzieren.“

Funktionseinschränkungen der Sinne im Alter

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